„Heute sprechen wir nicht über Politik. Heute sprechen wir über Menschen.“
Ein guter Redner hört zu. Eine tolle Rednerin spricht mit den Schülerinnen und Schülern. Eva Weyl, die als Kind im Konzentrationslager Westerbork in den Niederlanden interniert war, sprach vor dem neunten Jahrgang unserer GHS. Und nach dem Vortrag hörte sie zu, den Schülerinnen und Schülern, die viele Frage stellten, noch mehr wissen wollten, nachdem Eva Weyl ihren Vortrag gehalten hatte. Und so sprachen sie alle gemeinsam miteinander.
Am 19.05.2026 waren die Abschlussklassen vertieft in die Zentralen Prüfungen Englisch. Der neunte Jahrgang war vertieft und gebannt und lauschte gespannt im Forum dem knapp einstündigen Vortrag über Hass und Liebe, Flucht, Verfolgung und das Glück, entkommen zu sein. Entkommen dem Vernichtungslager im Osten, in das die Familie Weyl hätte geschickt werden sollen. Drei Mal. Drei Mal auf der Todesliste. Drei Mal Glück gehabt, unendlich viel Glück. Sonst wären sie heute tot. Die Mutter, der Vater und die kleine Eva, die mit 7 Jahren eingesperrt wurde in das sogenannte Übergangslager Westerbork in den Niederlanden.
Dort wurden über 100.000 Menschen jüdischen Glaubens aus den Niederlanden eingesperrt, mussten arbeiten, kamen irgendwann auf die Listen. Die Listen bestimmten, wer in den Zug Richtung Osten musste. Was viele damals nicht wussten, aber einige ahnten: Die Züge kamen nicht mehr zurück. Wer mitfahren musste, fuhr in den Tod. Man ließ die Menschen in den Konzentrationslagern, vor allem in Tschechien und Polen, verhungern, erfrieren, an Krankheiten sterben, oder man tötete sie direkt. Millionen kamen um. Sie alle verstummten. Eva Weyl gibt ihnen allen eine Stimme. Sie spricht für diejenigen, die heute nicht mehr sprechen können. Und die Schülerinnen und Schüler hörten zu.
Es war ruhig, fast mucksmäuschenstill, als sie erzählt. Zunächst von ihrer Familie, der Vater aus Kleve, der mit der Familie in die Niederlande floh. Von ihrem Opa, der für Deutschland im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte und dem die Nazis, wie allen Jüdinnen und Juden, das Menschliche absprach. Sie erzählte, wie sie ins Lager Westerbork kamen und von der Angst in dem Lager, von der Kälte, den Entbehrungen und wie alles angefangen hatte: Damit, dass damals einige Menschen sagten, dass andere Menschen weniger wert seien. Mit dem ersten Glied ist die Kette geschmiedet. Am Ende überlebte die Familie Weyl mit sehr viel Glück.
Aber Eva Weyl warf den Deutschen nie etwas vor. Sie sagt erneut zu den Schülerinnen und Schülern: „Ihr seid nicht Schuld! Aber ihr tragt die Verantwortung, meine Geschichte weiterzuerzählen. Ihr seid fortan meine Zweitzeugen.“ Und zu dem Zeugnis gehört nicht nur die Geschichte über Hass und Ausgrenzung. Eva Weyl erzählt auch, wie sie sich als 15-Jährige verliebte und einem Jungen Zettelchen schrieb: „Ihr habt heute eure Handys, wir mussten uns damals Briefchen schreiben.“ Schülerinnen in der ersten Reihe grinsen verschmitzt. Sie wissen genau, wovon die Dame spricht. Zwei Generationen verstehen sich. Auch als sie erzählt, dass ihr Großvater diese Liebe unterbinden wollte, den Kontakt zu dem Jungen verbieten wollte, nicken einige SchülerInnen wissend. Was sie noch erfahren: Der Junge, in den das jüdische Mädchen verliebt war, war der Enkel eines überzeugten Nazis. Aber Eva Weyl lies sich nichts verbieten: „Was konnte der Fritz denn dafür? Wir beide liebten uns.“ Fünf Jahre waren die beiden zusammen. Liebe siegt über Hass und Vorurteil.
„Manche eurer Eltern sind nach Deutschland gekommen, weil sie vor dem Krieg geflohen sind. Auch ich musste mit meiner Familie in ein anderes Land fliehen. Ich bin ein Flüchtlingskind. So wie manche von euch.“ Eva Weyl schaffte es immer wieder, den Ton zu treffen, der ihre Zuhörer berührte. Schüler nickten, Schülerinnen lächelten, die Zuhörenden waren ganz nah bei ihr. Berührt lauschten sie, bis sie am Ende das Wort ergreifen konnten. Jedoch: „Bitte keine Fragen über Politik. Ich möchte nicht über Politik reden, ich spreche über Menschen.“ Und die jungen Menschen wollten mit ihr sprechen.
Es mischten sich vorbereitete Fragen, welche zuvor in den Klassen aufgeschrieben wurden, mit den spontanen Fragen aus dem Publikum. Den Anfang machte Adam aus dem 9. Jahrgang. Lilly aus der 9.7 wollte wissen, wie der Zusammenhalt der Menschen im Lager war. Pia aus der 9.6 fragte, ob andere Eltern im Lager mit ihren Kindern offen sprachen, während die Familie Weyl versucht hat, vor ihrem Kind die schreckliche Wahrheit zu verbergen. Zu guter Letzt stellte Adam noch seine zweite Frage. So wurde Am Ende der Veranstaltung aus dem Vortrag ein Dialog. So viele Fragen stellten die Schülerinnen und Schüler noch, dass der Schulgong daran erinnern musste, die Veranstaltung zu beenden. Trotzdem kamen danach noch einzelne Schülerinnen und Schüler nach vorne, bedankten sich persönlich für den Besuch und den Vortrag, und einige machten noch ein Foto mit Eva Weyl. Sie werden das Erlebnis nicht vergessen. Sie werden davon erzählen. Sie werden Eva Weyls Zweitzeuginnen und Zweitzeugen sein. Aber sie werden nicht über Politik sprechen oder Religion. Denn an unserer Schule gibt es keine Christen, Muslime oder Juden. Es gibt nur Menschen.
Liebe Eva, herzlichen Dank für deinen erneuten Besuch bei uns. Auf bald!







